Klassische Akupunktur

Einleitung

  • Der Begriff bzw. das  Piktogramm  „Orientale Medizin“ als Chinesisches Schriftzeichen setzt sich aus vier Teilen zusammen.

- Ein Teil beschreibt einen abgegrenzten Raum bzw. ein Zimmer.
- Der zweite Teil einen Menschen, der in diesem Raum  einen Tanz als Heilungsritual abhält.

   In einer Hand hält er ein
- Stück spitzes Metall (dritter Teil),
- in der anderen Hand  Alkohol (vierter Teil).

  • Das Piktogramm für „Akupunktur“ beschreibt inhaltlich einen Menschen, der mit größter Konzentration und kraftvoller Energie Metall (Gold oder Silber) in seiner  Hand    hält. Sein Geist ist enorm gespannt und zielgerichtet. Er versucht all sein Können und Wissen mittels dieser Metallspitze weiterzuleiten.

Die Anfänge der Akupunktur werden bis hin zu 6000 vor Christus datiert. Die ersten Werkzeuge, die zu Akupunkturzwecken verwendet wurden waren aus Steinsplittern, Fischknochen und Bambus. Erst später wurden Metalle wie Bronze, Silber oder Gold verwendet. Aus der Notwendigkeit infizierte Wunden zu öffnen oder Fremdkörper zu entfernen entstanden, so kann jedoch nur vermutet werden, die ersten Entdeckungen von Akupunkturpunkten. Dass dies nicht nur in China und Ostasien der Fall war hat uns vor wenigen Jahren die Gletscherleiche „Ötzi“ gezeigt, auf der man Tätowierungen fand, die zum Teil auch Akupunkturpunkten entsprechen.

Huang Ti Nei Jing

Das erste Große Werk zur Akupunktur ist "Die Medizin des gelben Kaisers",  das "Huang Ti Nei Jing Su Wen", das in der Zeit der kämpfenden Reiche verfasst wurde (221 v. Chr - 220 n. Chr.). Dieses Werk ist ein Dialog zwischen dem legendären gelben Kaiser (2700 v. Chr.) und einem seinem Minister Chi Po. Dieses Buch ist das Grundlagenwerk der Traditionellen Chinesischen Medizin. Es besteht aus zwei Teilen, dem Suwen (Grundlegende Fragen), das sich hauptsächlich mit Medizintheorie befasst und dem Lingshu (Zentrum des Wirkvermögens). Das Lingshu beschäftigt sich unter anderem mit  Akupunkturpraxis, Meridianen, Kollateralen, Punkten, den neun Nadeln oder Manipulationstechniken.

Abb. 1

Abb. 1 Darstellung historischer Akupunkturnadeln

 

Neurophysiologische Grundlagen der Akupunktur 1

Die Ergebnisse der Forschung in der Neurophysiologie der letzten Jahrzehnte erlaubt eine naturwissenschaftlich fundierte und erklärbare Wirkweise der Akupunktur. Insbesondere die Schmerzforschung erzielte für die Akupunktur interessante Resultate.

Am besten erforscht sind dabei chronische Schmerzzustände, Schmerzen des Bewegungsapparates sowie saisonale Allergien oder auch Asthma bronchiale. Die Verwertung von randomisierten, placebokontrollierten Studien dieser Themengebiete leisten notwendige und gute Arbeit hinsichtlich einer wissenschaftlichen Anerkennung dieser Behandlungsmethode. (siehe auch http://www.gerac.de/)

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Endorphinausschüttung nach Schmerzreiz als körpereigene Schmerzcoupierung. Diese somatischen Opioide werden in Rückenmarksneuronen synthetisiert. Einerseits werden sie durch afferente Reize ausgeschüttet (z.B.: Beta-Endorphin), zum anderen sind efferente Neuronen an der Bildung von Dynorphin über Neurotransmitter vermittelte Mechanismen beteiligt.

Beweisbar ist dies durch die Aufhebung der anästhetischen Wirksamkeit mittels Gabe von Naloxon. Somit kann man folgern, dass unser Nervensystem maßgeblich an der Wirkweise der Akupunktur mitbeteiligt sein muss.

Einen weiteren interessanten Zusammenhang hinsichtlich der Wirkweise der Akupunktur findet man über die Analyse der Headschen Zonen 2 (Abb. 2)

Abb. 2

Abb. 2  Die Headschen Zonen mit ihren Maximalpunkten in den betreffenden Dermatomen

Diese Zusammenhänge wurden schon vor 100 Jahren erkannt und mit viscero - somatischen Reflexbahnen erklärt.  Eine Beteiligung des vegetativen Nervensystems an der Wirkung von Akupunktur kann mittlerweile als sicher angesehen werden. Zimmerman 3 erklärt die Schmerzübertragung innerer Organe zu Hautarealen auf die Verschaltung sensibler afferenter Fasern im Rückenmark, welche mit afferenten Neuronen der Haut auf gleichen Rückenmarksneuronen konvergieren. Man nennt diese Art der Schmerzübertragung auch „referred pain“.

Head entdeckte zusätzlich noch hyperreagible Punkte in jedem Segment, welche er als Maximalpunkte bezeichnete( siehe Abb. 1). Man kann bei diesen Punkten eine auffällige Übereinstimmung mit den „Shu-Punkten“ der Körperakupunktur erkennen.

Es erscheint natürlich klug, Schmerzsensationen in den Headschen Zonen als eventuelle Frühsymptome von Krankheiten zu deuten. Head und Mackenzie 4 weisen in ihren Schriften darauf hin. Dieser Ansatz erscheint uns im Sinne einer Präventivmedizin als sehr sinnvoll. Eine weitere Erklärung der Wirkweise von Akupunktur liefert die„Gate-Control-Theory“*. Melzack 5 und Wall postulieren schleusenartige Mechanismen auf Ebene der Rückenmarksneuronen in welche Reize über schnell leitende markhaltige und langsam leitende marklose Fasern einströmen.

Dort selektieren spezifische Neuronen eine Aussteuerung der Impulse.

Der Schmerzreiz der Akupunkturnadel führt zum Entstehen von derartigen Reaktionen.

Akupunktur wirkt bekannterweise  nicht nur analgetisch sondern auch psychovegetativ regulierend, oftmals sedierend. Sie führt zur Harmonisierung von Dysbalancen zwischen Sympathikus und Parasymphatikus oder antagonistisch wirkenden Neurotransmittern.

Ihre Wirkung kann weiters mit dem Einfluss auf unser neuronales Gedächtnis erklärt werden. Da Soma und Psyche über unser Nervensystem eng verbunden sind, können subjektive Empfindungen von Schmerzerlebnissen „Spuren“ im Schmerzgedächtnis hinterlassen. Um Einfluss auf dieses „Neuronen-memory“ nehmen zu können kann mittels Akupunktur eine überschießende Reaktion von Impulsen der Schmerzbahn verhindert werden. Später, nach dem Schmerzereignis, können wiederum auch psychische „Narben“ über die Behandlung des Somas mit Akupunktur beeinflusst werden.*

Abb. 3  Das „Gate-Control-System“ nach Melzack und Wall

 

 

Meridiane oder Leitbahnen (Jing Mai) 6

Die Orientale Medizin beschreibt ein geordnetes System von Bahnen, welches wie ein Netzwerk den menschlichen Körper überzieht. Diese Bahnen verlaufen in der Sagittalebene des Körpers und wurden deswegen von der westlichen Welt als Meridiane oder channels bezeichnet. Die erste schriftliche Bestätigung dieser Bahnen findet sich im Huang Di Nei Jing, dem Buch des „Gelben Kaisers“. Dort werden die Bahnen am Körper mit den Flüssen, die das Land durchziehen, verglichen. Durch diese Meridiane fließt die Lebensenergie Qi und gewährleistet damit Körper- und Organfunktionen.  Durch Einflussnahme auf die Akupunkturpunkte gelingt eine therapeutische Steuerung dieser Energiebahnen bei Erkrankungen der jeweiligen Regionen und Organe. Punkte ähnlicher Wirkung wurden zu funktions- und organbezogenen Meridianen zusammengefasst. Mit diesen Meridianen stehen die 12 Organe der Orientalen Medizin in enger Verbindung. Dabei ist die Vorstellung dieser Organe bei weitem nicht nur auf die anatomische Situation beschränkt, vielmehr spricht man von Organsystemen und deren Funktionen. Im Gegensatz zur westlichen  Schulmedizin tritt die Anatomie sogar in den Hintergrund. Der „Funktionskreis Lunge“ beinhaltet somit nicht nur die Oxygenierung von Blut sondern den gesamten Respirationstrakt mit Riechfunktion, dem Hals, der Nase und auch der Haut oder aber auch generell die Immunabwehrfunktionen des Körpers.

So entstand das Konzept von Funktionskreisen, die den Organen gleichgesetzt wurden. Die 12 Organe und Funktionskreise gliedern sich in sechs Yang Organe und in sechs Yin Organe. Sie werden auch als Hohl- oder Vollorgane bezeichnet.

Zu den Yang – Organen gehören der Dickdarm, der Magen, der Dünndarm, die Harnblase, Samcho und  die Gallenblase. Zu den Yin – Organen zählen Lunge, Milz, Herz, Herzbeutel, die Niere und die Leber.  Jeweils ein Yin- und ein Yangorgan bilden zusammen einen Funktionskreis- oder  eine Funktionseinheit. Dazu gehören natürlich die jeweiligen Meridiane.

Ein Meridian ist vergleichbar mit einem Ast, der vom Stamm abzweigt. Auf diesem Ast finden sich Knospen wie Akupunkturpunkte, welche mit Nadeln, Moxa oder Akupressur behandelt werden können. Die Hauptmeridiane sind doppelt, also bilateral angelegt. Sie verlaufen symmetrisch auf den beiden Körperhälften. Meridiane nennt man gekoppelt, wenn es einen Yin- und den dazugehörigen Yangmeridian betrifft (z.B. Herz-Dünndarm). Sie sind miteinander durch Netzgefäße, den Luo-Gefäßen verbunden. Die Yang-Meridiane verlaufen auf der Körperaußen- und Rückseite und den Arm- und Beinaußenseiten währenddessen die Yin-Meridiane an den  Arm- und Beininnenseiten und am vorderen Körper verlaufen. Lungenmeridian, Perikardmeridian und Herzmeridian (Yin-Meridiane) verlaufen von der  seitlichen Thoraxwand an der Arminnenseite bis zu den Fingern. Von hier ziehen drei Yang – Meridiane (Dickdarm-, Samcho- und Dünndarmmeridian außen über Arm, Schulter und Hals zum Kopf. Vom Kopf verlaufen wiederum drei Yang-Meridiane zu den Füßen.  Es sind dies der Magen,- Gallenblasen- und Harnblasenmeridian.  Sie ziehen ventral, lateral und dorsal des Rumpfes zu den Füßen und Zehen. Von den Füßen wiederum ziehen drei Yin-Meridiane über die Beininnenseiten bis zum Rumpf.  Es sind dies der  Leber,- der  Milz- und der Nierenmeridian. Die 12 Hauptmeridiane bilden an der Körperoberfläche ein System von drei Meridianumläufen. Ein Meridianumlauf beinhaltet 4 Hauptmeridiane, zwei  Yin Meridiane und zwei Yang Meridiane. Jeweils ein Yin-Yang Paar verläuft dabei am Arm und ein weiteres Paar am Bein. Von dem auf der Körperoberfläche verlaufenden Hauptmeridian zweigt ein innerer Meridianast zum jeweiligen Yin- oder Yang Organ ab.

So bildet ein Yin-Yang Meridianpaar zusammen mit den zugehörigen Voll- und Hohlorganen eine morphologische und funktionelle Einheit.

Abb. 4  Historische Darstellung des Milz/Pankreas Meridians
Quelle: The Acupuncture Book, Dove Publishing

  • 1. Gleditsch, J.: Akupunktur in der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Hippokrates,  Stuttgart, 1997. Die neurophysiologische Grundlagenforschung stellt einen der wichtigsten Bestandteile zur Anerkennung der Akupunktur und ihrer Wirkungen dar. Wissenschaftliche Beweisbarkeit im Zeitalter der Evidence Based Medicine wird eine der Grundsäulen der weiteren Zukunft der Akupunktur als medizinische Behandlungsmethode in der westlichen Hemisphäre sein.
  • 2. Head, H.: Die Sensibilitätsstörungen der Haut bei Visceralerkrankungen. Hirschwald, Berlin 1898
  • 3. Zimmermann, M.: Gibt es eine physiologische Begründung der Akupunktur? Therapiewoche 28 (1978, 48) 9409-9415
  • 4. Mackenzie, J.N.: Krankheitszeichen und ihre Auslegung. Kabitzsch, Würzburg 1917
  • 5. Melzack, R.: Myofascial trigger point: relations to acupuncture and mechanisms of pain. Achr. Phys. Med. a. Reh. 62 (1981) 114.ff * Die neurale Theorie des Wirkungsmechanismus der Akupunktur-Analgesie wurde durch Melzack und Wall um die Erkenntnis des Hemmungsmechanismus der Rückenmarkspforten bereichert. Nach der „Gate-control-Theorie“ hängt die Aktivierung oder Hemmung der Schmerzmechanismen von  der Öffnung oder  Schließung der Rückenmarkpforten ab. Anzunehmen ist, dass sich die Wirkung der Akupunktur nicht nur auf das Rückenmark sondern auch auf andere suprasegmentale Strukturen erstreckt. Raphekerne des Truncus cerebralis (Nucleus dorsalis und Nucleus centralis inferior) sollen fundamentale Bedeutung für die Akupunkturanalgesie haben. Die Stimulation dieser Kerne als äußerst wirkungsvolle Hemmzone der Schmerzempfindung bewirkt eine signifikante Analgesie. Im Tierversuch konnte damit eine stark schmerzhafte Zahnextraktion empfindungsfrei vorgenommen werden. Die Formatio reticularis ist eine gleichermaßen wichtige Bezugszone zum Wirkungsmechanismus der Akupunktur. Ihre Nervenzellen im Mittelhirn sind ein rezeptorisches Areal. Die elektrische Stimulation ebendort führt zu Analgesie in verschiedenen Körperzonen.
  • 6. Yin Huihe and others: Fundamentals of Trad. Chinese Medicine. Foreign Languages Press, Beijing  1992
    Focks, Hillenbrand: Leitfaden der Chinesischen Medizin, Urban und Fischer 2003, Seite 233 ff. 
    Bischko, J.: Praxis der Akupunktur, Band 1; Einführung in die Akupunktur. 16. Auflage. Haug VerlagHeidelberg. Kapitel 7 Seite 109 ff.
    Stux G., Stiller N., Pomeranz B.: Akupunktur Lehrbuch und Atlas. Springer Verlag, 5. Auflage. Berlin, Heidelberg New York 1999. Seite 75 
    Erste schriftliche Darstellungen der Meridiane fand man bei Ausgrabungen in der Gegend von Changsa, Südchina, wo man Schriftrollen aus der Han-Dynastie (206 v. Chr. Bis 220 n. Chr.) fand. Dort wurden 11 Meridiane beschrieben, die bemerkenswerter weise keinen geschlossenen Kreislauf bildeten und keinen Bezug zu den Organen hatten. Manche chinesische Autoren vermuten, dass zuerst die 6 Meridiane der unteren Extremität existierten und erst später diejenigen der oberen Extremitäten hinzugefügt wurden. Die Bezeichung für Meridiane ist im Chinesischen Jing Luo, die englische Bezeichnung dafür lautet  channels and collaterals. Diese ist, unserer Meinung nach,  eine bessere Übersetzung ist als der etwas unklare Begriff Meridian.